Warten auf den Winter

Im Gegensatz zu Godot wird der Winter 2022/23 kommen. Wir wissen nicht, wie dieser Winter ausfallen wird. Sicher ist nur: Je härter, kälter und länger er daherkommt, desto schwieriger wird sich die Lage vieler Menschen in Deutschland gestalten. Die derzeit aufgerufenen Strom- und Gaspreise stellen selbst für Leute mit mittlerem Einkommen eine Herausforderung dar. Für all jene, die im allgemeinen Sprachgebrauch irrtümlicherweise als die sozial Schwachen betitelt werden, sind sie existenzgefährdend. Gleiches gilt für kleine und mittlere Betriebe, die mangels hinreichender Systemrelevanz kaum im Fokus politischer Rettungsbemühungen stehen. Wir werden in diesem Sektor vermutlich etliche Pleiten erleben. Der Mittelstand wird in Krisen einzig durch den Markt reguliert, während große Unternehmen mit wichtigen Aktionärspersönlichkeiten im Hintergrund mit Steuergeldern bzw. (Gas)umlagen gerettet werden. Angeblich waren die staatlichen Eingriffe zugunsten Unipers & Co alternativlos. Wir kennen derartige Statements von der Bankenkrise 2008/09 zur Genüge. Persönlich würden wir durchaus bislang unmögliche andere Optionen in Erwägung ziehen. Wir halten es nämlich nicht für undenkbar, dass das Privatisieren von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten ein Ende haben muss, wenn wir den sozialen Frieden in Deutschland erhalten wollen.

Strom mal zwei, Gas mal sieben

Gas kostete vor der Verknappung etwa 6, Strom um die 30 Cent/kWh. Wer heute gezwungen ist, einen neuen Liefervertrag für Strom abzuschließen, zahlt, Stand 07.09.2022, 66 Cent/kWh. Gaskunden wären froh, hätten sie es lediglich mit einer Verdopplung der Preise zu tun. Bei Neuverträgen wird in etwa der siebenfache Preis fällig.

Bei Kunden, die längerfristige Verträge abgeschlossen haben, sind ebenfalls erhebliche Preiserhöhungen zu verzeichnen – bei Strom ca. 30%, bei Gas nur eine Verdreifachung. Letztere spiegelt im Wesentlichen die Entwicklung des Börsenpreises für Erdgas wider, rechtfertigt jedoch nicht die spekulativen Mondpreise für Neuverträge.

Beim Strom hingegen wurden die Börsenpreise, seit Anfang 2021, im Monatsmittel betrachtet um den Faktor 7 gestiegen, (noch) nicht komplett an den Verbraucher weiter gegeben. Hier ist „noch Fantasie drin“, würden Börsianer sagen. Wir begnügen uns damit, auf diesen Fakt hinzuweisen, der die Gefahr weiterer enormer Strompreiserhöhungen in sich birgt.

Merit Order, Strompreise und Zufallsgewinne

Merit Order ist ein Modell, das die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke nach marktwirtschaftlichen Kriterien bestimmt. Volkstümlich ausgedrückt kommen die Erzeuger, die am billigsten Strom produzieren (heutzutage sind das die Erneuerbaren) zuerst zum Einsatz, danach die Kraftwerke aufsteigend nach ihren Grenzkosten. Aufgrund der explodierenden Gaspreise rangieren Gaskraftwerke aktuell am Ende der Kette. So weit so gut … hätten wir nicht, selbst in der jetzigen Krisensituation, etliche stehende Windräder längs der Autobahnen gesehen. Unsere Kritik, dass dieser Aspekt von Merit Order nicht mal jetzt konsequent umgesetzt wird, weil sich aufgrund langfristiger Lieferverträge zu viel fossiler Strom im Netz befindet, erfährt damit eine deutlich höhere Brisanz. „Ausfallarbeit“ durch das Abregeln von Erneuerbaren zu generieren und den Ausfall zu bezahlen, war noch nie eine gute Idee. Aktuell ist diese, letztendlich wieder nur vom allmächtigen Markt initiierte Herangehensweise, absolut nicht hinnehmbar.

Der zweite Aspekt von Merit Order, dass alle Erzeuger die gleichen Vergütungen erhalten wie das teuerste zur Bedarfsdeckung notwendige Kraftwerk, funktioniert im Gegensatz zur Kraftwerkspriorisierung offensichtlich besser als unseren Politikern lieb ist. Letztendlich folgt dieses Prinzip aber nur der reinen Lehre des „freien Marktes“, sprich einem Dogma, dessen Schädlichkeit um so mehr zum Tragen kommt, je mehr wir weiterhin daran glauben.

Weil die gerade kostendeckend bzw. mit minimalen Gewinnen arbeitenden Gaskraftwerke die Preise vorgeben und diese aufgrund massiven Strommangels vor allem in Frankreich nicht vom Netz genommen werden können, generieren alle anderen Erzeuger (an das EEG gebundene Erneuerbare ausgenommen, was im Übrigen gerne verschwiegen wird) extrem hohe Gewinne. Da unserer Finanzminister das Wort „Übergewinne“ noch dazu im Zusammenhang mit „Steuern“ strikt ablehnt, haben die Politik-Strategen den neuen Begriff „Zufallsgewinne“ erfunden. Dieser Begriff verschleiert die Tatsache, dass diese – sagen wir der Ehrlichkeit halber doch lieber wieder Übergewinne oder nochbesser Extraprofite – das Ergebnis betriebswirtschaftlichen Handelns unter Ausnutzung der gegebenen Rahmenbedingungen sind. Sie entstehen schlicht durch das Merit-Order-Prinzip, das in der gegenwärtigen Situation die Strompreise für die Verbraucher in ungeahnte Höhen treibt.

Unsere Regierung hat immerhin beschlossen, diese „Zufallsgewinne“ abzuschöpfen, was prinzipiell eine gute Idee ist, wenn die so generierten Einnahmen denen zugute kämen, die am meisten unter den hohen Strompreisen leiden. Allerdings sollten uns Habeck und Lindner langsam erklären, wie das Eintreiben der „Zufallsgewinne“ genau vonstatten gehen soll. So ein politischer Eingriff in den allmächtigen Markt wird von dessen Evangelisten schließlich nicht unwidersprochen hingenommen. Den diesbezüglich anstehenden politischen Entscheidungen sehen wahrscheinlich nicht nur wir voller Spannung entgegen.

Diese Entscheidungen gehören ebenfalls zu den Rahmenbedingungen ökonomischen Handelns. Unter der sich abzeichnenden gesellschaftsgefährdenden Krise kann und muss der Gesetzgeber bestimmte Marktmechanismen (hier: alle kriegen den Höchstpreis) außer Kraft setzen. Sofort sinkende Strompreise wären die Folge und würden Entlastungspakete, die letztendlich nur vom Steuerzahler finanziert werden, überflüssig machen.

Das dritte Entlastungspaket

Unabhängig von unserer allgemeinen Bewertung dieses Entwurfs, der letztendlich dazu dient, den sozialen Frieden in Deutschland über den nächsten Winter zu retten, bleiben wir zunächst bei der Frage der „Zufallsgewinne“. Zitat:

Durch die teilweise Abschöpfung von Zufallsgewinnen entstehen finanzielle Spielräume, die gezielt für die Entlastung der Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa genutzt werden sollen.“

Da schwingt mehr Hoffnung als Gewissheit in die Umsetzbarkeit mit. Und die EU als brauchbare Schuldige für eventuelles Scheitern wird vorsichtshalber gleich präsentiert:

Die Bundesregierung wird sich in der Europäischen Union mit Nachdruck dafür einsetzen, dass es schnell zu Verabredungen kommt.“

Das Entlastungspaket enthält einige potenziell sinnvolle Ansätze, die sich wohltuend von dem bisherigen Murks a la Tankrabatt und Gasumlage abheben:

Nach Einführung der Erlösobergrenze wird aus deren Einnahmen eine Strompreisbremse für den Basisverbrauch eingeführt. Den Privathaushalten kann so eine gewisse Menge Strom zu einem vergünstigten Preis gutgeschrieben werden (Basisverbrauch). Die Haushalte werden so finanziell spürbar entlastet und gleichzeitig bleibt ein Anreiz zum Energiesparen erhalten.“

Das wäre in der Tat verantwortungsvolle Sozial- und ökonomisch sinnvolle Energiepolitik; wäre deshalb, weil als Voraussetzung wieder die „Einführung der Erlösobergrenze“ (= Abschöpfung der Übergewinne) genannt wird. Da man nicht weiß, inwieweit das funktionieren wird, hält man sich bewusst mit Zahlen zurück. Eine „gewisse Menge Strom für Privathaushalte“ sind genau wie viele Kilowattstunden pro Kopf und Jahr?

Auch hier wird das Fell des Bären verteilt, bevor er erlegt ist:

Um die angekündigte Steigerung der Übertragungsnetzentgelte durch die Redispatch-Kosten zu verhindern, werden die Stromnetzentgelte aus den abgeschöpften Strommarkt-Zufallseinnahmen bezuschusst.“

Folgende Maßnahme wird hingegen nicht an Bedingungen geknüpft.

Um die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen angesichts der stark angestiegenen Energiepreise nicht zusätzlich zu belasten, wird die für den 1. Januar 2023 anstehende Erhöhung des CO2-Preises um fünf Euro pro Tonne im Brennstoffemissionshandel um ein Jahr auf den 1. Januar 2024 verschoben.“

Nicht ganz unwichtiger Nebeneffekt dabei: Die Verwertungsbedingungen der fossilen Erzeuger bleiben in 2023 genauso günstig wie in 2022. Gut für den Markt, wie er derzeit aufgestellt ist, aber ein Schlag ins Gesicht für alle, die tatsächlich eine schnelle Energiewende vorantreiben wollen.

Summa summarum ist dieses dritte Entlastungspaket nichts anderes als eine Packung Valium für’s Volk. Die Frage, wie lange diese Art Medikation noch hilft, sollten sich vor allem die politisch Verantwortlichen stellen. Wir würden eine kontinuierliche „Entlastungspaket-Vermeidungs-Politik“ deutlich effektiver und auch demokratiefreundlicher bewerten.

Putin ist schuld?

Der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine sorgt weltweit für steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise. Die damit verbundene Erhöhung der Lebenshaltungskosten wird für viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zunehmend zu einer großen Belastung.“

So beginnt der 13-seitige Text zum dritten Entlastungspaket unserer Regierung. Wir stimmen diesem Satz unumwunden zu, allerdings nicht ohne zu ergänzen, dass die kapitalistische Produktionsweise, mit ihrem systembedingten Streben nach Maximalprofit, ursächlich für die heutige Lage ist. Die Kriegsverbrecher dieser Welt sind so nur die für alle sichtbare Spitze des Eisberges. Sie erledigen die Drecksarbeit bei der Durchsetzung von Macht- und Profitinteressen.

Ein nach ausschließlich marktwirtschaftlichen Regeln funktionierendes System wird immer wieder von Krisen geschüttelt. Krisen und Kriege sind ein fester Bestandteil solcher Systeme.

Die Fokussierung auf billiges russisches Gas war systembedingt folgerichtig. Die Vorgänger der Ampel-Regierung haben sie im Interesse ihrer Klientel vorangetrieben und die Ampel hat daraus so gut wie gar nichts gelernt.

Unsere Prognose für den/die kommenden Winter

Dem dritten Entlastungspaket das Etikett „Danke für nichts“ anzuheften, wäre sicherlich ungerecht. Andererseits wird es, selbst wenn die „Zufallsgewinne“ zufällig in merklicher Höhe abgeschöpft werden können, definitiv nicht reichen. Überdies ist mehr als fraglich, ob die beschlossenen Maßnahmen noch rechtzeitig greifen. Wir werden massenhaft private und betriebliche Insolvenzen sehen, verbunden mit einem weiteren, noch tieferen Abschwung als durch Corona verursacht. Wir sollten uns weiterhin darüber im Klaren sein, dass die Versorgungssicherheit angesichts der Marktlage noch stärker gefährdet ist als bisher. Temporäre lokale Stromabschaltungen sind zu befürchten, flächendeckende Blackouts möglich.

Schon jetzt versuchen die rechtsextremen Totengräber der Demokratie ihren Nutzen aus der Situation zu ziehen, indem sie einen „heißen Herbst“ proklamieren. Wir können nur hoffen, dass die Mehrheit der Bevölkerung da nicht mitmarschiert.

Es fehlt nur ein weiteres gravierendes negatives Ereignis und wir werden uns im Chaos wiederfinden.

Umbau des Energiesystems

Die Energiewirtschaft ist ein extrem wichtiger Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Daher darf sie nicht länger allein nach den angeblich unumstößlichen Kriterien eines Marktes organisiert werden, dem man eine Freiheit andichtet, von der er meilenweit entfernt ist. Große Marktteilnehmer nutzen ihre Vormachtstellung auf allen Märkten rücksichtslos aus, was im Energiesektor besonders fatale Folgen hat. Die Turbulenzen des „freien Marktes“ überfordern aktuell viele, wenn nicht die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen.

Die vor zwanzig Jahren eingeleitete Liberalisierung des Strommarktes ist eine Bankrotterklärung der öffentlichen Verwaltungen vor den Kräften eines ungezügelten, einzig auf Maximalprofit orientierten Gesellschaftsentwurf. Dieser Entwurf darf nicht länger von der Politik gestützt bzw. sogar gefördert werden.

Energie ist eben kein Produkt wie jedes andere. Niemand hat die Wahl auf Energie zu verzichten oder seinen Verbrauch extrem einzuschränken. Die Organisation ihrer Erzeugung, Verteilung und ihres Verbrauchs muss deshalb schnellstmöglich in staatliche Kontrolle zurückgeführt werden. Die Preisbildung hat sich an den tatsächlichen Grenzkosten zu orientieren und nicht an den feuchten Träumen der Manager großer Energiekonzerne. Die Grenzkosten zu senken gelingt am schnellsten durch eine Energiewende zu 100% Erneuerbaren, in die die gesamte Bevölkerung gerecht einbezogen wird.

Noch ist Zeit, aber die Zeit läuft uns davon.

Fakt ist? – Energiewende in den öffentlich rechtlichen Medien, Teil 3

Man möge uns verzeihen, dass wir uns hin und wieder mit den Darstellungen der öffentlich rechtlichen Medien zum Thema Energiewende befassen und dabei möglichweise unsere selbst gestellte Aufgabe, technisch fokussiert darüber zu informieren, etwas vernachlässigen. Zur Information gehört allerdings auch die Richtigstellung von Desinformation.

Die am 27.06.2022 vom MDR ausgestrahlte Folge von „Fakt ist“ zum Thema Windenergie in Thüringen bedarf – vornehm ausgedrückt – einiger Richtigstellungen. Deutlicher gesagt ist diese Sendung schlicht eine Beleidigung der Intelligenz all jener, die nur ansatzweise, und damit besser als die dort auftretenden „Fachleute“ und Politiker, im Stoff stehen.

Es werden Unwahrheiten verbreitet, es werden abstruse Behauptungen aufgestellt, es wird mit Zahlen operiert, die mit der Realität nichts zu tun haben und die Windkraft bekommt den Ehrenplatz als wichtigste Erneuerbare Energiequelle zugewiesen. Für besonders bedenklich halten wir die vom Bund generierte Flächenforderung von 2% für die Windkraft, die auch im dicht bewaldeten Thüringen offensichtlich mit eisener Hand durchgesetzt werden soll. Sollten nicht Kapazitäten statt Flächen, sollte nicht Optimierung dieser Kapazitäten im Zusammenspiel mit Photovoltaik, Biomasse und Speichern den Planspielen der Verantwortlichen zugrunde liegen?

Einziger kleiner Lichtblick – man denkt erkennbar darüber nach, die Bürger an den Erträgen der Windkraft zu beteiligen; allerdings in einem Maße, das deutliche Reserven nach oben bietet.

Jörg Dietrich hat sich persönlich detaillierter auf der Webseite der BI-Holzland zur Sendung geäußert.

Energiewende in den öffentlich rechtlichen Medien – Teil 2

Da wir mit vielen grundsätzlichen Aussagen des am 31.03.2022 gesendeten Scobel-Beitrags „Unter Hochspannung – Wie sicher sind unsere Stromnetze?“ nicht einverstanden waren, haben wir die Redaktion angeschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben ein paar kritische Anmerkungen zu dieser Sendung und bitten Sie, diese an das Team Scobel weiter zu leiten.

Link https://www.orangebuch.de/energiewende-in-den-oeffentlich-rechtlichen-medien/

Wir würden es begrüßen, wenn das Team Scobel mit uns in Kontakt tritt, um ggf. in künftigen Sendungen zum Thema die Sichtweise der energiepolitisch interessierten Bürger mehr in den Fokus zu rücken als die der Energielobby. Das würde meines Erachtens auch besser zu dem passen, was die Senderreihe Wissen hoch2 prinzipiell auszeichnet.

MfG – Ingolf Müller im Namen des Teams Orangebuch.

Die Antwort kam ein paar Tage später. Im Gegensatz zu unserem Schriftverkehr mit dem BMWK empfinden wir die Replik der Scobel-Redaktion als konstruktiv.

Sehr geehrter Herr Müller,

im Namen der WissenHoch2-Redaktion von 3sat bedanke ich mich für Ihre Mail und das damit verbundene Interesse an unserer Sendung „Unter Hochspannung – Wie sicher sind unsere Stromnetze?“. Wir haben Ihre Anmerkungen zur Kenntnis genommen und wissen Ihre tiefgehende Auseinandersetzung und kritische Analyse unseres Films sehr zu schätzen.

Bitte erlauben Sie uns an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der dezentrale Ansatz einen sehr präsenten Aspekt unseres Films darstellt und auf die von Ihnen formulierten Forderungen teilweise auch eingegangen wurde. In diesem Zusammenhang betont beispielsweise auch einer der Experten in unserem Film, Prof. Dr. Uwe Leprich, dass die Politik in Bezug auf neue technische Lösungen endlich umdenken und dezentrale Ansätze beachten müsse.

Während unsere Wissenschaftsdokumentationen stets das Ziel verfolgen, die einzelnen Themen in ihrer Komplexität möglichst weitreichend und umfassend zu durchleuchten, bitten wir um Ihr Verständnis, dass wir aufgrund der auf 44 Minuten begrenzten Sendezeit leider nicht auf alle thematischen Aspekte und Argumente im Detail eingehen können. Wir sind daher gezwungen, einzelne Schwerpunkte zu setzen. Da zelluläre Lösungsansätze bisher noch nicht ausgereift sind bzw. erst noch entstehen, haben wir uns im Film auf die Mischung von zentralen und dezentralen Ansätzen konzentriert.

Wir hoffen, dass Sie uns als aufmerksame Zuschauer erhalten bleiben und bedanken uns für Ihr Interesse – und Ihr Verständnis!

Mit freundlichen Grüßen

(Name)

ZDF

Wir haben Prof. Leprich tatsächlich nicht vollständig zitiert. Deshalb hier zunächst die korrigierte Version unserer Analyse (inhaltliche Änderungen in blau)

Unsere Antwort an die Redaktion können wir aus Datenschutzgründen nicht vollständig wiedergeben. Inhaltlich dürfte sie dennoch unmissverständlich sein.

Sehr geehrte Frau (Name) , sehr geehrter Herr Scobel,

wir stimmen Ihnen zu, dass der dezentrale Ansatz ein präsenter Aspekt Ihres Beitrages war. Als „sehr präsent“ empfanden wir ihn hingegen nicht. Dennoch möchten wir uns dafür entschuldigen, dass wir Herrn Prof. Leprich, …, nicht vollständig zitiert haben. Es geht um sein Statement, dass die Politik in Bezug auf neue technische Lösungen endlich umdenken und dezentrale Ansätze beachten müsse. Wir haben diese Aussage in unserem Text inzwischen ergänzt.

Alles in allem bleiben wir jedoch bei unserer Einschätzung, dass der Beitrag im Grundsatz ein Plädoyer für die Beschleunigung des „unbedingt notwendigen“ Ausbaus der Übertragungsnetze ist. Damit folgt er dem politisch festgelegten Narrativ einer grundsätzlich zentralen Stromversorgung.

Zugegeben – eine Diskussion über ein Pro und Kontra zum zentralen vs. dezentralen Prinzip findet an manchen Stellen statt. Tendenziell stellt der Beitrag jedoch den dezentralen Ansatz infrage, während die, mit Verlaub gesagt, demagogischen Aussagen des Herrn Zerres unwidersprochen stehen bleiben.

Wir erlauben uns nochmals, dieses Statement von Prof. Uwe Leprich zu zitieren:

Wenn die Energiewende weiter zentral gedacht wird … dann stockt die Energiewende.

Wir würden es noch drastischer formulieren:

Wenn die Energiewende weiter zentral gedacht wird … dann scheitert die Energiewende.

Der Beitrag stützt die Meinung, die zellulären Lösungsansätze seien noch nicht ausgereift. Dem widersprechen wir ausdrücklich und berufen uns dabei u.a. auf die bereits im Jahre 2007 erstmals veröffentlichte VDE-Studie. Der gesamte europäische Netzverbund muss bei Bedarf in seine Bestandteile zerlegt werden können. Das ist nur möglich, wenn man in zellulären Strukturen denkt, die auf allen Netzebenen bereits bestehen. Was in den Verteilnetzen fehlt und unsere Netze schon dort massiv entlasten würde, sind erneuerbare Erzeuger, namentlich PV- und Windkraftanlagen nebst der dazugehörigen Speicher.

Wir stellen daher nochmals die Frage, ob Sie bereit sind, zeitnah einen zweiten Beitrag zum Thema zu senden, der sich fokussiert mit Dezentralität befasst.

Sie können auf unsere und die Zuarbeit der mit uns verbundenen Partner zählen.

Energiewende in den öffentlich rechtlichen Medien

Scobels Wissen hoch2 vom 31.03.2022

Vorab – eigentlich bin ich Fan des Philosophen Scobel, weil er sowohl in seiner jeden Donnerstag in 3Sat ausgestrahlten Sendung Wissen hoch2 als auch in seinem Youtube-Kanal allgemeine gesellschaftliche Regeln und Normen kritisch beleuchtet. Er stellt die richtigen Fragen und gibt, unterstützt von seinen Gästen, sehr oft Antworten, über die sich intensiveres Nachdenken lohnt. Unausgewogener Qualitätsjournalismus auf der Grundlage ungenügender Sachkenntnis oder mangelnder Recherchen ist normalerweise nicht Scobels Ding.

Sein Beitrag vom 31.03.2022 „Unter Hochspannung – Wie sicher sind unsere Stromnetze?“ lässt sich allerdings genau in diese Kategorie einordnen. Er folgt dem Narrativ der Übertragungsnetzbetreiber, dass die Energiewende vor allem vom Netzausbau der Höchstspannungs-Übertragungsnetze abhängt.

Das gesamte Team Orangebuch kann diesem Narrativ aus guten Gründen nicht folgen. Dass die Übertragungsnetzbetreiber seit Jahren die Rückendeckung der herrschenden Politik genießen und die BNetzA als verantwortliche Behörde sich in der Rolle der Interessenverkünderin von Tennet, TransnetBW, Amprion und 50Hertz gefällt, ist uns wohl bewusst. Dass kritischer Journalismus jedoch ebenfalls auf diese Linie einschwenkt, erzeugt bei allen, die eine ehrliche, schnelle und vor allem demokratische Energiewende unter breiter Beteiligung der Bürger wollen, erhebliche Schmerzen.

Deshalb müssen wir über Ihren Beitrag reden, Herr Scobel. Ich weiß, dass Sie ihn nicht selbst erstellt haben, was ich Ihnen durchaus zugute halte. Dennoch machen Sie sich die Inhalte zu eigen, indem Sie Ihren Namen dafür hergeben. Das wiederum finde ich sehr schade.

Unsere Kommentare zu den wörtlichen Zitaten der im Video mitwirkenden Personen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Ingolf Müller im Namen des Teams Orangebuch.

Reden wir mal über Geld. Ausnahmsweise.

Wir tun das nur ungern, weil wir zunehmend diesem schon recht alten Indianerspruch anhängen. Wir Autoren des Orangebuch gehören zur Generation 60+ und sind damit ebenfalls schon etwas betagt. Altern fördert als unvermeidbare Nebenwirkung oft neue Erkenntnisse zutage. Demnach betrachten wir Geld bzw. den Besitz großer Mengen davon nicht (mehr) als das erstrebenswerteste aller möglichen Lebensziele.

Es kann gut sein, dass wir damit von allgemeingültigen gesellschaftlichen Normen abweichen. Diese suggerieren uns schließlich permanent die fundamentale, fast alles entscheidende Bedeutung des Geldes. Das geschieht nicht direkt, sondern eher subtil. Die Werbung erzeugt das Verlangen nach Dingen, die wir ohne Werbung gar nicht kennen würden. Ständig sind wir dazu angehalten, uns mit anderen, vermeintlich besser Gestellten zu vergleichen. Wir schimpfen laut auf die „da oben“, wollen aber insgeheim genauso sein wie sie. Dazu benötigt man vor allem eines – Geld.

Unsere alternative, „querdenkerische“ Sichtweise auf das Thema Geld bricht mit diesen Konventionen. Wir haben immerhin den Eindruck gewonnen, als würde sie von immer mehr Menschen, auch jüngeren geteilt.

Wie wir die EU-Taxonomie, die Kosten der Energiewende und die aktuellen Energiepreise bewerten, lesen Sie ausführlicher hier.

Unsere Energieversorgung 2040 – Visionen und Realität

eine Nachlese zu unserer Veranstaltung vom 18.06.2021

Die herrschende Politik versorgt uns seit Jahren mit Sprechblasen über eine Energiewende, die angeblich das Ziel verfolgt, die Erderwärmung durch Minimierung des CO2-Ausstoßes zu stoppen.

Die daran gebundenen, weitgehend untauglichen Maßnahmen werden dem Bürger als alternativlos verkauft und in ziemlich brutaler Art und Weise zu dessen Nachteil umgesetzt. Die Folgen dieser verfehlten Politik sind nicht nur stetig steigende Preise für Energie, sondern auch ein Fortschreiten der Zerstörung unserer Umwelt.

Wir bekennen uns ausdrücklich zur Umstellung unserer Energieversorgung von der heute überwiegend fossilen hin zu einer vollständig auf erneuerbarer Energie basierten bis spätestens 2040.

Die Auswertung konkreter Daten der letzten sechs Jahre, bereitgestellt von Agora-Energiewende, bestätigt unsere schon mehrfach getroffenen Aussagen nunmehr auch in Zahlen:

1. Die Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren ist viel zu gering.

2. Die Energiewende erfordert immense Speicherkapazitäten.

Beides wird von der Politik erfolgreich ignoriert; „erfolgreich“ deshalb, weil diese gefährliche Ignoranz nicht in der öffentlichen Wahrnehmung ankommt.

Unsere Analyse der Agora-Daten beschäftigt sich zum einen damit, was wir in den letzten Jahren bereits hätten tun können, um die beiden o.g. Fragestellungen zu bearbeiten. Im Zuge der Betrachtung der versäumten Chancen der Vergangenheit gewinnen wir darüber hinaus ein paar wichtige Erkenntnisse für die Zukunft.

Sichere Energieversorgung

Die Sicherheit unserer Energieversorgung ist ein Grundpfeiler unserer gesellschaftlichen Existenz. Jede entwickelte Gesellschaft ist in hohem Maße abhängig von Hochtechnologie. Hochtechnologie durchdringt unser ganzes Leben und verlangt zwingend eine permanente Verfügbarkeit elektrischer Energie. Ist elektrischer Strom länger als drei Tage flächendeckend nicht verfügbar, bedeutet das definitiv das Ende unserer gesellschaftlichen Existenz so wie wir sie heute kennen.

Der politische, besser der neoliberal-ideologische Fokus liegt dennoch auch im Umfeld der Energieversorgung auf dem wirtschaftlichen Betrieb. Die Gefahr eines drohenden Netzzusammenbruchs nimmt man dabei in Kauf. Was unsere Entscheider offenbar nicht verstanden haben: wenn es zu einem langandauernden und großräumigen Stromausfall kommt, spielt der profitorientierte, wirtschaftliche Betrieb keine Rolle mehr. Dann gibt es schlichtweg nichts mehr zu wirtschaften.

Die Ausbau- und Speicherfrage

Eine erfolgreiche Energiewende ist untrennbar mit der Verfügbarkeit geeigneter Speicher für unterschiedliche Energieformen verbunden. In den Netzentwicklungsplänen der Bundesnetzagentur spielen solche Überlegungen so gut wie keine Rolle. Vielmehr fühlt man sich für Speicher „nicht zuständig“ oder zitiert offen die Argumente der Energiewendegegner, die Speicherung der benötigten Energiemengen wäre nicht möglich bzw. unbezahlbar.

Der Fokus der herrschenden Politik und deren angeschlossener Behörden liegt nach wie vor auf der möglichst langen Konservierung des von fossilen Energieträgern dominierten Status Quo. Es geht keineswegs um die Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren, auch wenn dies gebetsmühlenartig ständig öffentlichkeitswirksam verkündet wird. Diese müsste nach unseren Berechnungen mindestens sechs Mal schneller vonstatten gehen, um CO2-Neutralität bis 2040 zu erreichen.

Würde man hier tatsächlich mehr Tempo an den Tag legen, wäre man sehr bald mit der Erkenntnis konfrontiert, dass flankierend Speicherkapazitäten, insbesondere Langzeitspeicher, in der Größenordnung von Terawattstunden notwendig sind.

Für unser Standardszenario, das einen Ausbau der Windenergie um den Faktor vier und der Photovoltaik um den Faktor 15 bis 2040 (vollständige Dekarbonisierung) vorsieht, haben wir aus den Agora-Daten einen Bedarf zwischen 50 und 100 TWh errechnet. Zwischenwerte für den Weg dorthin werden wir nach der Sommerpause nachliefern.

Schon die Begutachtung der Startwerte liefert einige interessante Erkenntnisse. Wegen mangelnder Speicher weiß man nämlich schon gegenwärtig nicht, was man mit der „lästigen“ EE-Überschuss-Energie anfangen soll. EE-Erzeuger werden lieber abgeregelt als deren „Überproduktion“ zu speichern. Der Bürger zahlt schließlich brav für die von den Windmüllern und Solaranlagenbetreibern geleistete „Ausfallarbeit“; mittlerweile mehr als eine Mrd. Euro pro Jahr. Die tatsächliche Überproduktion der fossilen Energieerzeuger steht nicht zur Debatte.

Exportieren oder speichern?

Prinzipiell gilt:

Die stabile Versorgung mit elektrischer Energie basiert auf einem Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch.

Die Grafik aus unserem Orangebuch S. 52 (oder Folie 4) enthält den von Agora-Energiewende veröffentlichen Datensatz vom 22.04.2019, 15.00 Uhr.

Der Erzeugung rechts (+) steht die Entnahme (Netzlast und Export) (-) gegenüber. Die Netzlast ist der augenblickliche Bedarf, der Export der Überschuss.

Eine unserer Überlegungen war es, diesen Überschuss nicht zu exportieren, sondern zu speichern.

Wir haben den Exportüberschuss über das gesamte Jahr 2019 kumulierend in einer Grafik dargestellt (Folie 5) und dabei folgende Erkenntnis gewonnen: Er ist nicht sinnvoll speicherbar, weil

1. tägliche Überschüsse nahezu im gesamten Jahr exportiert werden. Nur in den Sommermonaten (mit erhöhter EE-Produktion) besteht ein Gleichgewicht zwischen Export und Import. Speicher die ständig geladen, aber nie entladen werden, erfüllen ihren Verwendungszweck nicht.

2. die Überschüsse vorwiegend aus degenerativer Produktion (fossil und nuklear) in den Wintermonaten stammen. Fossil erzeugten Strom verlustbehaftet zu speichern, halten wir prinzipiell für keine gute Idee.

Dennoch brauchen wir schon heute Speicher. Ihr Einsatz sollte aber vor allem dadurch motiviert sein, fossile Kraftwerksleistungen sukzessive vom Netz zu nehmen. Für den Tageszyklus klappt das schon recht gut, betrachtet man die vielen kleinen und mittleren PV-Installationen mit integriertem Batteriespeicher. Genau deshalb werden diese Installationen von der Politik massiv behindert.

Für den Jahreszyklus mussten wir auf ein „was-wäre-gewesen-wenn-Szenario“ zurückgreifen. Wir hatten 2019 keine Speicherkapazität von 8 TWh. Wäre sie vorhanden gewesen, hätten wir bei gleichzeitiger Vermeidung der (vornehmlich fossilen) Exporte 30% (in Worten dreißig!) fossiler Erzeugerkapazitäten einsparen können! Dies ergab eine exemplarische Modellrechnung, bei der die 2019er Leistungsdaten von Agora als Grundlage dienten; Grafik in Folie 7. Je nach gewähltem Parametersatz (angenommene Speichergröße und Jahr) schwankt das Ergebnis zwischen 20 und 40%.

Wir wissen im Jahr 2021, was im Jahr 2019 richtig gewesen wäre. Im laufenden Betrieb kennen wir das Optimum natürlich nicht. Deshalb ist ein von Fachleuten operativ begleitetes Speichermanagement notwendig. Dieses sichert sowohl den wirtschaftlichen Betrieb der Speicher als auch die Versorgungssicherheit. Als gesicherten Fakt können wir festhalten:

Wir brauchen schon jetzt sehr viel mehr Speicher als tatsächlich vorhanden ist.

Täglich wundern wir uns darüber, warum diese recht einfache Erkenntnis nicht in entsprechende Handlungen mündet.

Das Gasnetz – Langzeitspeicher in Hülle und Fülle

Wir müssen nicht nach Möglichkeiten zur längerfristigen Speicherung von Energie in großen Mengen suchen. Sie sind vorhanden. Allein das Gasnetz bietet mit seinen Kavernenspeichern (Rohrleitungen nicht mitgerechnet) eine Speicherkapazität von über 200 TWh.

Die Krux liegt in der Frage, wie wir genügend Gas aus erneuerbaren Quellen erzeugen können, um die vorhandenen Gasspeicher damit zu befüllen.

Die Power2Gas (und zurück?) Prozesskette

Wir wandeln zunächst überschüssige elektrische Energie in Wasserstoff um. Hierzu benötigen wir entsprechende Elektrolyseure mit ausreichender Leistung. Die NWS (Nationale Wasserstoffstrategie) sieht bis 2030 eine Elektrolyseleistung von 5 GW vor. Unter der optimistischen Annahme von 7.000 Volllaststunden ließen sich hieraus etwas 26 TWh in Wasserstoff gespeicherte Energie erzeugen. Wohlgemerkt erst im Jahre 2030, geht es nach den Plänen der Bundesregierung und unter immer noch tatkräftiger Beteiligung fossiler Erzeuger. Wir halten diesen Ansatz deshalb für grundsätzlich falsch. Die mit 5 GW geplante Elektrolyseleistung ist viel zu gering und die Elektrolyseure müssen ausschließlich an erneuerbare Erzeuger gekoppelt sein, selbst wenn das tendenziell negative Auswirkungen auf deren Auslastung hat.

Aufgrund der schwierigen Handhabbarkeit von Wasserstoff kommen wir nicht umhin, diesen in einem zweiten Schritt in Methan zu verwandeln. Auch diese Wandlung ist mit Verlusten verbunden. Am Ende der Prozesskette haben wir einen Strom-zu-Strom-Wirkungsgrad von mageren 36%. Entnehmen wir der Kette jedoch an verschiedenen Stellen Endenergie, sprich Energie, die wir direkt nutzen können und die damit keinen weiteren Wandlungsverlusten unterworfen ist, steigt der Gesamtwirkungsgrad auf über 70%. (Folien 11 bis 13)

Die Optimierung aller im Schema gezeigten Teilprozesse obliegt den Wissenschaftlern in den Universitäten, den Ingenieuren in den Unternehmen, den Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur. Alle werden genau dafür bezahlt. Uns stellt sich immer mehr die Frage, ob sie diese Aufgabe auch bearbeiten dürfen. Wir stellen seit längerem eine riesige Diskrepanz zwischen den öffentlichen Verlautbarungen des gerade genannten Personenkreises und deren „privaten“ Statements fest. „Wir sind an unsere Vorgaben gebunden.“ vs. „Eigentlich müsste man es anders machen.“

Zusammenfassung

Was wir bisher untersucht haben, zeigt, wie weit der Weg bis zur vollständigen Dekarbonisierung ist. Durch eine ernst gemeinte Substitution fossiler Kohle durch klimaneutrale Energieträger entsteht ein gewaltiger Nachholbedarf bei der Installation erneuerbarer Erzeuger und Speichern. Dabei ist es durchaus zu hinterfragen, ob es nicht sinnvoller wäre, einen Teil unseres Energiebedarfs weiterhin zu importieren; als erneuerbare Energie und aus Ländern, die über bessere Voraussetzungen verfügen, diese kostengünstig zu produzieren. Momentan geben wir schließlich auch 100 Mrd. Euro jährlich für Energieimporte aus, allerdings für Öl, Kohle und Erdgas. Mehr EE-Stromimporte, EE-Wasserstoff oder EE-Synthesegas sind denkbare Optionen. Was fehlt, ist eine Bedarfsananlyse und die damit verbundene Beschaffungsstrategie.

Die in den Netzentwicklungsplänen veröffentlichten Szenarien sind völlig unbrauchbar, weil sie keine Antworten auf die vielen offene Fragen geben. Manche Fragen werden nicht einmal gestellt. Wie sagte einst Thomas de Maizière?

„Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“

Dieses Zitat war natürlich nicht auf die Energiepolitik gemünzt, gibt aber einen guten Einblick in die allgemeine Denkweise der meisten Politiker.

Wir sind durchaus höchst verunsichert, aber nicht wegen gegebenen, sondern wegen nicht gegebenen Antworten. Wir sind verunsichert durch die allgemeine Planlosigkeit und Inkompetenz (wahlweise bewusste Täuschung), mit der die Politik derzeit agiert – nicht nur hinsichtlich einer notwendigen Energiewende.

EE-Ausbau – Notwendigkeit und Realität, Teil 1: EE-Erzeugerkapazitäten

Am 17.12.2020 wurde die EEG- Novelle 2021 durch den Deutschen Bundestag beschlossen. Die Ausbaupfade für EE, insbesondere Photovoltaik und Windkraft, sollen gemäß dieses Beschlusses im ersten Quartal 2021 festgelegt werden.

Wir haben uns in unserem Beitrag „Stromversorgung und öffentliche Sicherheit – eine Bestandsaufnahme“ bereits ausführlich mit dem EE- Ausbau und den damit zusammenhängenden Konsequenzen beschäftigt.

Vor dem Hintergrund der in Kürze zu beschließenden EE-Ausbaupfade, erscheint es uns dringend geboten, unsere in diesem Artikel vorgenommenen Berechnungen zu präzisieren. Es geht uns dabei vor allem um einen detaillierteren Vergleich der zur Erreichung des Pariser Klimaziels notwendigen mit den aktuellen, realen EE-Ausbauzahlen Deutschlands. Die zuständigen Politiker halten schließlich noch immer an dem schon im Jahre 2000 formulierten Fernziel fest, die deutsche Wirtschaft bis 2050 vollständig zu dekarbonisieren. Daher sind wir sehr gespannt, ob die neuen EE-Ausbauvorgaben diesem Fernziel eher gerecht werden als die völlig unzureichenden Fortschritte der letzten Jahre, insbesondere 2018 und 2019. Immerhin hat sich der Zubau von PV-Anlagen im Jahre 2020 trotz Corona wieder merklich beschleunigt. Dies gibt Anlass zur Hoffnung, zumal Photovoltaik das größte Potenzial bietet, dem o.g. Ziel ohne nennenswerte Eingriffe in die Umwelt näher zu kommen. Fraunhofer-ISE sieht das ähnlich. In dem aktuellen Dokument „Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland“, nimmt das Fraunhofer Institut auf knapp einhundert Seiten ausführlich Stellung zur Rolle der Photovoltaik für die Energiewende. Wir berufen uns in unserem Text an einigen Stellen auf dieses außerordentlich wichtige Dokument.

Zunächst beschreiben wir ein mögliches 2040iger 100% EE-Szenario. Wir legen uns tatsächlich auf dieses Jahr fest, weil uns die um 10 Jahre vorverlegte vollständig dekarbonisierte Wirtschaft angesichts der dramatischen Entwicklung des Weltklimas dringend geboten erscheint.

Neben dem Endszenario 2040 stellen wir einen Meilenstein für das Jahr 2030 zur Diskussion.

Die sich aus unseren Berechnungen ergebenden Herausforderungen sind gewaltig, die dafür notwendigen Investitionen enorm. Gleichwohl handelt es sich um Investitionen, die uns deutlich sinnvoller erscheinen als Milliardenbeträge für die „Rettung“ von Konzernen zu verschwenden, deren Geschäftsmodell sich im steilen Sinkflug befindet. Es sind notwendige Investitionen in unsere Zukunft, die auch nachfolgenden Generationen ein menschenwürdiges Leben auf unserem Planeten garantieren.

Teil 1 – für die Zukunft notwendige EE-Erzeugerkapazitäten

Energiegesetz statt EEG 2021

„Zu spät, zu wenig, zu mutlos, alles das kann, ja muss man eigentlich über die gerade im Bundestag beschlossene EEG-Novelle sagen.“ Zu dieser Einschätzung kam die Piratenpartei Deutschland in ihrer am 17.12.2020 veröffentlichten Pressemitteilung. Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Vielleicht nur das: Der Fokus liegt für uns klar auf dem „zu wenig“. Das vollmundig versprochene Festhalten an den Pariser Klimazielen passt absolut nicht zu den im EEG2021 beschlossenen Maßnahmen. Wir erleben ein weiteres Mal den stetigen Widerstreit zwischen Ankündigungs- und Realpolitik.

Aber wie jetzt weiter? Das EEG ist unserer Meinung nach schlicht und ergreifend seit längerem völlig unbrauchbar. Wir brauchen kein Gesetz für erneuerbare Energien, wir brauchen ein Energiegesetz, das die Gesamtheit unserer Energieversorgung behandelt.

Der oberste Grundsatz, sprich §1 eines solchen Gesetzes, muss festschreiben, dass die sichere und umweltfreundliche Energieversorgung absoluten Vorrang vor allen anderen Interessen hat. Die beiden Paradigmen sicher und umweltfreundlich sind in Anlehnung an Artikel 1 des Grundgesetzes nicht verhandelbar. Wir sollten niemals vergessen: Ein flächendeckender, länger anhaltender Zusammenbruch unserer Energieversorgung gefährdet unsere Gesellschaft im Ganzen, und letztendlich unsere physische Existenz, weil die Grundversorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen unmittelbar an die Energieversorgung gekoppelt ist. Die fortschreitende Zerstörung unserer Umwelt durch weitere hemmungslose Verbrennung fossiler Energieträger führt ebenfalls zum Niedergang unseres Gemeinwesens; schon mittelfristig und mit noch weit gravierenderen, weil vermutlich unumkehrbaren Folgen.

Die hohen, zur Errichtung, Instandhaltung und Betrieb von Energieanlagen notwendigen Aufwendungen müssen von der ganzen Gesellschaft getragen werden. Deshalb gilt neben den Erfordernissen Sicherheit und Umweltverträglichkeit das Gebot höchstmöglicher volkswirtschaftlicher Effizienz. Der Staat muss in seinem Versorgungsgebiet ein entsprechendes Versorgungssystem planen und fortentwickeln. Alle den Energiesektor betreffenden Planungen und strategischen Orientierungen sind im Energiegesetz transparent festzuschreiben. Nur so kann die parlamentarische und zivilgesellschaftliche Einflussnahme und Kontrolle auf die gefundenen Lösungen sicher gestellt werden.

Effizienz steht in engem Zusammenhang mit Sachverstand. Wir stellen immer wieder fest, dass Entscheidungen von Politikern getroffen werden, deren fachliche Kompetenz unzureichend ist. Dieses allgemeine Problem des politischen Systems tritt bei weitem nicht nur für Bereich Energie zutage. Inkompetenz von Entscheidungsträgern ist nicht nur für sich allein gesehen schädlich, sondern dient gleichermaßen als Einfallstor für die Einflüsterungen neoliberaler Wirtschaftsesoteriker, die allein im Auftrag mächtiger Interessenverbände unterwegs sind oder selbst dazu gehören. Die von uns geforderte volkswirtschaftliche Effizienz spielt für diese Leute, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle. Dabei gelingt es ihnen immer wieder, ihre angebliche „wissenschaftliche Expertise“ in die Medien zu transportieren.Wann werden endlich echte Fachleute, die darüber hinaus auch willens sind, die harten physikalischen Fakten zu würdigen, in die dringend notwendigen Entscheidungsprozesse einbezogen?

Unsere dritte grundsätzliche Forderung besteht demnach darin, alle energiepolitischen Weichenstellungen auf streng naturwissenschaftlicher Grundlage zu treffen. Dies sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit für eine aufgeklärte Industriegesellschaft sein. Im Moment sieht es leider so aus, dass Beschlüsse weitgehend inkompetenter, lobbygesteuerter Verwaltungen oft genug physikalische Sachverhalte völlig auf den Kopf stellen. Wir haben ein System absurder gesetzlicher Verbiegungen und Regelungen, die unsere Energieversorgung sowohl unsicher als auch langfristig unbezahlbar machen – einen besonderen Gruß an dieser Stelle an das neue EEG2021.

Das müssen wir ändern. Schnell. Die aktuelle EU-Gesetzgebung (Richtlinie 2018/2001, Förderung der Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen und Richtlinie 2019/944, Strombinnenmarkt- Verordnung) kann als gute Grundlage für ein deutsches Energiegesetz dienen.

Wie dieses im Detail aussehen könnte, werden wir in weiterenArtikeln behandeln.

Offener Brief zur Beratung der EEG-Novelle im Wirtschaftsausschuss

Sehr geehrte Damen und Herren,


mit Interesse haben wir die Anhörung zur EEG-Novelle vom 18.11.2020 im Ausschuss für Wirtschaft des Deutschen Bundestages verfolgt. Was uns, nach durchaus interessanten Beiträgen der geladenen Experten jedoch auffiel: Die Fragen und die daraus folgenden Ausführungen der Experten gingen am Kern des Themas vorbei. Sie gehen grundsätzlich von einer marktwirtschaftlich getriebenen Versorgung unseres Landes mit elektrischer Energie aus. Das ist ein Paradigma, welches weder durch die Bundesregierung noch durch irgend eine Partei des deutschen Bundestages jemals in Frage gestellt wurde. Die ausschließliche Fokussierung auf die scheinbare marktwirtschaftliche Effizienz gefährdet unsere sichere Stromversorgung. Eine sichere Energieversorgung ist aber die Voraussetzung für unser Leben, für das Überleben unserer Gesellschaft. Ein unter bestimmten Umständen denkbarer flächendeckender Zusammenbruch unserer Stromversorgung hätte katastrophale Auswirkungen auf unser Leben. Nachweisliche „Beinahe-Zusammenbrüche“ bestätigen das nachdrücklich. Das ist die Gefahr für die in der EEG-Novelle postulierte „öffentliche Sicherheit“.

Mehrmals wurde in der Anhörung die Bedeutung einer dezentralen Energieversorgung thematisiert. Auch hier ging es im Kern um die Einbindung in das marktwirtschaftliche System, sprich um den Stromhandel. Die physikalische Gesetze bei der Erzeugung, Verteilung und Verbrauch elektrischer Energie scheinen in dieser Betrachtung aber außer Kraft gesetzt.
Das Zentrum des Stromhandels in Deutschland ist die Strombörse in Leipzig. Herr Reitz von der European Energy Exchange (EEX) spricht von „10 Jahren verantwortlichen Stromhandels“. Er sagt aber auch, dass an der Börse Stromlieferverträge bereits 6 Jahre im voraus abgeschlossen werden können. Wir schlussfolgern daraus, dass die an der Börse gehandelten Strommengen absolut nichts mit der täglichen Realität zu tun haben, sich aber auf den momentanen Strompreis auswirken. Der Realitätsverlust wird auch durch die vollständige Ausblendung der schon genannten physikalischen Zwänge deutlich. Wir haben durch die Worte des Herrn Reitz erfahren, dass der Stromhandel an der EXX eigentlich ein spekulativer Stromhandel ist. Es wird mit Strommengen gehandelt, für die noch weder Nachfrage noch Angebot existieren. Man muss weiterhin wissen, dass Strom der erzeugt wird, physikalisch bedingt zuerst durch Abnehmer in der Nähe der Erzeugung verbraucht wird. Der Eigenverbrauch gelangt also gar nicht erst in die Übertragungsnetze und steht demzufolge dem Stromhandel nicht zur Verfügung. Diese Tatsache ist den Verbrauchern aber nicht bekannt. So werden beispielsweise Gebühren und Abgaben für Leistungen erhoben, die nachweislich nicht entstanden sind.

Indirekt wird das auch durch Herrn Dr. Bolay vom DIHK bestätigt. Er sagt unter anderem „Grünstrom kann nicht gekauft werden“. Das sei so, weil der Strom, den wir verbrauchen, sich nicht in seine „grünen“ und „fossilen“ Bestandteile zerlegen lässt. Auch Herr Dr. Bolay hat die zugrundeliegende Physik offenbar nicht verstanden. An der Quelle der grünen Erzeugung ist der Verbrauch, also der Eigenverbrauch, natürlich ganz zweifelsfrei grün. Auch die Versorgung von Verbrauchern nahe der Erzeugung erfolgt mit rein grünem, völlig CO2- frei erzeugtem, Strom.

Warum werden für solche Nicht-Leistungen „legale“ Netzentgelte erhoben?
Unsere Stromversorgung wird immer den physikalischen Gesetzen folgen müssen, heute und in Zukunft. Wir brauchen kein EE-Gesetz das diese Tatsachen permanent missachtet. Was wir brauchen ist ein Paradigmenwechsel. Vorrang hat eine sichere, auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhende Energieversorgung. Die Art und Weise des Handels mit Energie darf keinen unsere Sicherheit gefährdenden Vorrang haben.

Wir bitten Sie, um eine Stellungnahme zu unserer Darlegung und werden Brief und Antwort, nach der EEG-Novellierung im Bundestag, veröffentlichen.


Mit freundlichen Grüßen
Team Orangebuch
Ingolf Müller
Jörg Diettrich
Reinhold Deuter
Hanns-Jörg Rohwedder

Wirtschaft und Klimaschutz

Der vermeintliche Widerspruch

Es ist absurd, in welchem Ausmaß Unternehmen weltweit die Klimakrise anheizen und vorantreiben. Die verantwortlichen Manager ignorieren, was sie da gerade anrichten. Daran wollen wir sie erinnern“ ,

so Luisa Neubauer, eine der deutschen Hauptfiguren von Fridays for Future in einem Interview, das sie dem Handelsblatt im Januar 2020 kurz vor ihrer Teilnahme am Weltwirtschaftsforum in Davos gab.

Das Zitat legt den Finger ziemlich genau in die Wunde. Es sind wirtschaftliche Interessen, die effektive Maßnahmen gegen den Klimawandel verhindern. Dem würden wir keinesfalls widersprechen. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, die gesamte Wirtschaft als einen homogenen, quasi aus einem Stück gefeilten Feind, der gegen Klimaschutz steht, zu brandmarken. Das tun weder wir noch Fridays for Future. Insofern verwahren wir uns gegen die meist subtil, manchmal auch weniger feinfühlig vorgetragenen Angriffe mancher Medien gegen FFF. Die hinter dieser negativen Presse stehende Motivation besteht einzig darin, die Organisation als radikale, jugendliche und (hoffentlich) bald vorübergehende Strömung abzuqualifizieren, deren einziges Ziel in der Schädigung, wenn nicht gar Vernichtung der Wirtschaft besteht. Diese Meinungsmache fällt leider auf allzu fruchtbaren Boden. Die Essenz, besonders „gut“ und vor allem häufig von der Springer-Presse herausgearbeitet, besteht in der schlichten Botschaft:Wirtschaft und Klimaschutz schließen einander aus.

Dem ist jedoch definitiv nicht so.

Der BVMW und der neue EEG-Entwurf

Der falsche Mythos lässt sich durch eine ständig wachsende Zahl von Fakten leicht widerlegen. Erst kürzlich erschien eine Stellungnahme des BVMW (Bundesverband mittelständische Wirtschaft), zu dem im September 2020 erschienenen Entwurf der Novellierung des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz). Sie macht zum einen deutlich, wie mittelständische Unternehmen schon heute mit Klimaschutz Geld verdienen. Darüber unterbreitet der BVMW in seinem Papier Vorschläge, wie der Mittelstand in seinem vorhandenen Bestreben, noch klimafreundlicher zu agieren, unterstützt werden könnte. Letztendlich fordert der BVMW (also nicht FFF oder eine andere Umweltorganisation) die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen für die Beschleunigung der Energiewende.

Ursprünglich hatten wir vor, eine eigene Interpretation des neuen Gesetzentwurfs auf unserer Webseite zu präsentieren, waren aber aufgrund mangelnder personeller Ressourcen zeitlich nicht dazu in der Lage. Daher geht unser Dank zunächst an den BVMW. Wir hätten uns an vielen Stellen zwar weniger diplomatisch ausgedrückt; gleichwohl gehen die Ansichten des Interessenverbandes des Mittelstandes inhaltlich mit denen des Teams Orangebuch weitgehend konform. Insbesondere unterscheiden sich unsere Auffassungen zu den gravierenden Mängeln des neuen EEG-Entwurfs nur in Nuancen.

Schon der einleitende Abschnitt hat es in sich:

Der BVMW bewertet das Ziel des Entwurfs des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG), den gesamten Energieverbrauch bis 2050 klimaneutral zu gestalten, grundsätzlich sehr positiv. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass die Gefahr besteht, bereits 2030 wesentliche Klima-Kipp-Punkte zu überschreiten. Dies verdeutlicht die Tatsache, wie unabdinglich erneuerbare Energien für die Zukunft sind.

Das sind wohlgesetzte, nett klingende Worte, die inhaltlich jedoch das Gleiche bedeuten, was FFF und andere Umweltaktivisten der Politik schon seit längerem und mit zunehmender Dringlichkeit auf die ToDo-Liste setzen:

Bewegt euch endlich. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

Weiter heißt es im einleitenden Text:

Der EEG-Entwurf in dieser Form wird jedoch nicht ausreichend sein, die Stagnation der Erneuerbaren zu beenden.“

Insbesondere das Wort Stagnation klingt dann schon nicht mehr so charmant, wiewohl es den aktuellen Zustand treffend beschreibt. Die Ausbauzahlen der letzten Jahre von Wind und Sonne belegen es.

Die folgende Aussage erscheint schließlich extrem irritierend, wenn man sie tiefgründiger durchdenkt:

Kritisch ist zu sehen, dass der Entwurf von einem deutlich niedrigeren Strombedarf ausgeht als Fachexperten.

Dann haben also keine Fachexperten den Gesetzentwurf verfasst? Wer dann und zu welchem Zweck? Es steht auch für uns völlig außer Frage, dass wir schon mittelfristig sehr viel mehr Strom benötigen werden (wir schätzen zwischen 700 und 800 TWh für 2030). Dieser zusätzliche Strom kann, nimmt man die Dekarbonisierung tatsächlich ernst, nur dezentral über erneuerbare Energieerzeugungsanlagen produziert werden.

Der Mittelstand will sich aktiv an einer dezentralen Energiewende beteiligen. …

Dass der Mittelstand an einer dezentralen Energiewende mitwirken will, ist kein Lippenbekenntnis. Viele mittelständische Unternehmen sind auf diesem Feld bereits erfolgreich unterwegs, obwohl die von der Politik getroffenen Regulierungen diese wirtschaftliche Tätigkeit mehr behindern als fördern.

„… Der aktuelle Entwurf des EEG erschwert dies ohne Grund.

Uns würden schon ein paar Gründe einfallen – die Mechanismen des Lobbyismus sind sicher auch dem BVMW bekannt.

Wir haben den neuen EEG-Entwurf einer Textanalyse unterzogen. Das Wort „dezentral“ kommt dort genau ein Mal (!) vor und zwar in folgendem Kontext:

Immer mehr dezentrale und volatile Erzeugungsanlagen werden installiert und müssen künftig in das Energiesystem sicher integriert werden. Dies funktioniert nur, wenn alle Erzeugungsanlagen sichtbar (Messung und Bereitstellung des Zählerstandsgangs, der Ist-Einspeisedaten und der Netzzustandsdaten) und interoperabel sicher fernsteuerbar sind.

Wir leiten daraus mehrere Dinge ab:

1. Die Dezentralität der Energieversorgung spielt in den Überlegungen der politischen Entscheider weiterhin eine untergeordnete Rolle. Es mangelt ihnen an Ideen und vor allem am Willen, die Energieversorgung Deutschlands entsprechend umzugestalten. Offensichtlich hat man in den Führungsetagen des Bundeswirtschaftsministeriums und der BNetzA den Schuss noch immer nicht gehört: Dezentralität ist längst in der Realität angekommen und nicht mehr aufzuhalten. Der Mittelstand steht Gewehr bei Fuß, diese Entwicklung massiv zu beschleunigen. Genau das ist angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Klimaveränderung dringend geboten.

2. Dezentralität wird mehr als lästige Herausforderung und weniger als Chance empfunden.

3. Dieser Herausforderung kann nur mit mehr Überwachung begegnet werden.

Die Interoperabilität und Fernsteuerbarkeit (im Ergebnis Überwachung) betreffend, verweisen wir auf den zellularen Ansatz, den wir ausführlich im Orangebuch beschrieben haben. Es ist mitnichten notwendig, jedem Haushalt ein Smartmeter zu verpassen, um das Netz stabil zu halten. Das massenhafte Abgreifen der bei diesem Herangehen gelieferten Daten würde schon aufgrund der dabei anfallenden Datenmenge nicht zweckdienlich für die Netzstabilität sein.

Organisiert man das Netz hingegen in hierarchischen Zellen, genügen Messeinrichtungen an den Übergabepunkten zur jeweils übergeordneten Zelle. Nur an diesen Übergabepunkten müssten die Daten der Zelle selbst erfasst und zur Steuerung benutzt werden; sprich diese Daten verbleiben in der Zelle. Nicht zu vergessen: Die Netzfrequenz ist bereits ein gutes Regulativ für die Stabilität. Solange sich Erzeugung und Verbrauch in der Zelle im Gleichgewicht befinden, müssen folglich gar keine Daten erhoben werden. Allerdings sind Stromspeicher essentiell für die Erhaltung dieses Gleichgewichts in der Zelle.

Die Kritik des BVMW am EEG-Entwurf im Detail

Mit PV-Anlagen kann Strom mittlerweile ohne jede staatliche Förderung für 12 ct/kWh und darunter erzeugt werden. Dies motiviert gerade aktuell sehr viele Bürger, kleine und mittlere Unternehmen, entsprechende neue Anlagen in Betrieb zu nehmen. Es könnten jedoch sehr viel mehr sein, würde der 2020iger EEG-Entwurf den Eigenverbrauch nicht extrem behindern. Man zwingt die Anlagenbetreiber statt dessen ziemlich unverhohlen zur Einspeisung. Für Strom, der am Markt angeboten werden muss, können sowohl der Staat als auch Netzbetreiber Einnahmen generieren. Wir verstehen es durchaus, dass der Gegenentwurf, erzeugten Strom selbst zu verbrauchen, den gerade genannten Akteuren Unbehagen bereitet. Jedoch erinnern wir nochmals daran, dass es derzeit in erster Linie darum gehen muss, die Kapazitäten der Erneuerbaren sehr schnell (das heißt für uns bis 2030) auf den Faktor 2 (Wind) und mindestens den Faktor 10 (PV) auszubauen.

Mit dem im EEG-Entwurf gemachten Vorgaben wird es nicht gelingen, Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie verstärkt unter die breite Bevölkerung zu bekommen. Die erforderlichen Mengen an Energie werden nicht nur mit Offshore Wind und PV auf großen Freiflächen zu leisten sein.

Die im zweiten Satz des Zitats unterschwellig vorgebrachte Kritik gibt einen Fingerzeig darauf, wohin die Reise nach dem Plan der Bundesregierung gehen soll. Er verstärkt unsere, u.a. in unserer Stellungnahme zur nationalen Wasserstoffstrategie getroffene Annahme. Auch der EEG-Entwurf orientiert sich vornehmlich an den Interessen der Großindustrie. Jede Kilowattstunde selbst erzeugter und selbst verbrauchter Elektroenergie bedeutet potentiellen Verlust für die großen Anbieter, ganz gleich ob sie ihren Strom aus erneuerbaren oder fossilen Quellen generieren.

Ausschreibung von Photovoltaikflächen auf den eigenen Dachflächen und dem damit einhergehenden Verbot der Eigennutzung lehnt der BVMW strikt ab.

Das ist eine klare Ansage, die wir vollinhaltlich unterstützen. Dafür gibt es neben allen kommerziellen Erwägungen noch einen sehr einleuchtenden physikalischen Grund. Lokal erzeugter und verbrauchter Strom muss nur über sehr kurze Strecken transportiert werden. Dadurch belastet er die Stromnetze nur marginal.

Der BVMW weist im weiteren Text auf die bürokratischen Hindernisse bei der Organisation von „Mieter- und Bürgerstrom“ hin und fordert deren Abschaffung. Zur „Marktvergütung von Post-EEG-Anlagen“ haben wir uns in unserem Beitrag „Die Sonne und die Kohle“ vor einigen Wochen bereits geäußert. Das BVMW-Papier beschäftigt sich detaillierter damit. Kerngedanke dabei:

Zielführender wäre es, die Ü20-Anlagen mit einem einfachen System durch subventions- und abgabenfreien Eigenverbrauch, plus eine pauschale, niedrige Vergütung des noch eingespeisten Reststroms nahe dem Börsen-Strompreis, zu legalisieren.

Auch in diesem, in den nächsten Jahren zunehmend wichtiger werdenden Teilaspekt der dezentralen Energieversorgung geht es letztendlich um die Handhabung des Eigenverbrauchs.

Was wir in der BVMW-Stellungnahme vermissen…

…sind deutlichere Hinweise auf bestehende europäische Gesetze, die durchaus geeignet wären, die deutschen Regulierungen des Energiemarktes positiv zu beeinflussen. Sie werden im neuen EEG-Entwurf zwar als Fußnote erwähnt aber gleichsam konterkariert. Einer unserer Autoren hat sich in einem

an das BMWi ausführlicher dazu Stellung bezogen.

Grundsätzlich geht es um die Leugnung der in den europäischen Gesetzen festgeschriebenen Möglichkeit des Eigenverbrauchs, den das neue EEG ja gerade sukzessive abschaffen will. Des weiteren favorisieren die 2018 beschlossenen europäischen Richtlinien die Gründung Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften, die auch in Deutschland einen großen Beitrag zur Umgestaltung der Energiewirtschaft liefern könnten. Auch von diesem genossenschaftlich organisierten Ansatz ist im EEG-Entwurf keine Rede.

Die genannten EU-Richtlinien sind auch in Deutschland ab Juni 2021 umzusetzen. Sie sind darüber hinaus einklagbar. Wir werden das Ganze sehr genau beobachten.

Die 20 Vorschläge des BMWi, Wirtschaft und Klima unter einen Hut zu bringen

Im September 2020 erschien eine Publikation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem verheißungsvollen Titel „Klima schützen & Wirtschaft stärken“.

Wir halten dem BMWi zugute, sich damit deutlich gegen den von BILD & Co laufend konstruierten Widerspruch zwischen Klimaschutz und Wirtschaft zu positionieren.

Das 11-seitige Dokument liest sich in oberflächlicher Analyse wie ein Plädoyer für den Klimaschutz mit der deutlichen Mahnung, die Belange der Wirtschaft dabei nicht zu vergessen. Wir nehmen es Herrn Altmaier durchaus nicht übel, dass er als Wirtschaftsminister letztere erkennbar priorisiert.

Äußerst bedenklich stimmen uns aber die Diskrepanzen zwischen der Ankündigungspolitik (20 konkrete Vorschläge zur Stärkung von Klimaschutz und Wirtschaftskraft) und der tatsächlich geplanten Umsetzung, festgeschrieben u.a. in dem vom BVMW diskutierten neuen EEG-Entwurf.

Den 3. Vorschlag fanden wir besonders aufschlussreich:

Das Erreichen der Klima- und Wirtschaftsziele wird als vorrangige Aufgabe festgelegt. Die Charta enthält hierzu eine „Klima-Garantie“ und eine „Wirtschafts-Garantie“. Diese verpflichtet die staatlichen Stellen, alle notwendigen und geeigneten Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele und zur Erhaltung der Wirtschaftskraft zügig zu ergreifen und umzusetzen.

Ob die im EEG-Entwurf angedachte de facto Verhinderung des Eigenverbrauchs tatsächlich eine „geeignete Maßnahme“ im Sinne des Klimaschutzes ist, möchten wir stark bezweifeln. Dem Mittelstand wird sie ebenfalls nicht helfen.

Vorschlag 3 endet mit:

Dazu gehört das Prinzip, dass wettbewerblich relevante Belastungen der Wirtschaft durch Klimaschutz auszugleichen sind.

Immerhin wissen wir jetzt, wer am Ende die Zeche dieses „Ausgleichs“ bezahlen soll, geben aber gleichzeitig zu Protokoll, dass der Mittelstand sehr viel besser in der Lage wäre, auf ebendiesen zu verzichten. Mittelständische Unternehmen tragen z.B. nicht die Bürde verfehlter Investitionen, für die sie entschädigt werden müssen, mit sich herum. Mehr noch – sie sehen die Energiewende mehr als Chance denn als Belastung. Wenn ein produzierender, energieintensiver Betrieb eine 100 kWP – PV-Anlage auf seine Werkhallen montiert, amortisiert sich diese Anschaffung nach aktueller Gesetzeslage schon nach kurzer Zeit. Dies würde sich mit der Umsetzung des neuen EEG-Entwurfs ändern.

Alles in allem halten wir die von Peter Altmaier vorgebrachten 20 Vorschläge für einen netten Beitrag im allgemeinen politischen Diskurs, dem wir allerdings kaum praktische Bedeutung beimessen, zumal dieser Beitrag mit keinem anderen Ministerium abgestimmt ist. Es sind die üblichen Sprechblasen, die folgenlos verhallen werden, wenn sich neue Themen in den Vordergrund drängen. Mit Corona haben wir gerade eines, das Herrn Altmaier hervorragend als Ausrede dienen kann, wenn ihn in ein oder zwei Jahren doch mal jemand nach dem Stand der Umsetzung seiner Vorschläge fragen sollte.

Resümee

Der Grundthese, wirtschaftliche Interessen verhindern effektive Maßnahmen gegen den Klimawandel, kann nicht widersprochen werden. Wir würden lediglich ergänzen, dass darunter die ganz konkreten Interessen ganz bestimmter Teilbereiche der Wirtschaft zu fassen sind.

Wir sollten in diesem Zusammenhang niemals vergessen, dass die Interessen des Mittelstandes sich schon immer erheblich von denen der Großindustrie unterscheiden. Der Mittelstand steht für Innovation und agiert auf dem Markt tendenziell mehr nach den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns. Kleine und mittelständische Unternehmen haben kaum eine andere Chance, ihre Produkte und Dienstleistungen erfolgreich an den Mann (die Frau) zu bringen. Geistiger Stillstand oder unlautere Machenschaften erweisen sich in diesem Bestreben als eher hinderlich.

Konzerne – und namentlich die großen Vier der deutschen Energiebranche – neigen vielmehr dazu, bei dem „Bewährten“ zu bleiben, das ihnen bzw. ihren Aktionären seit Jahren die Taschen füllt (exemplarisch Zahlen für RWE). Nichts ist rentabler als ein buchhalterisch abgeschriebener Kohlemeiler, der weiterhin Strom ans Netz liefern darf, ohne dass Klimafolgekosten sachlich korrekt eingepreist sind. RWE & Co nutzen ihre Marktmacht zum Nachteil der Gesellschaft aus und die Wirtschaftspolitik a là Altmaier, die sich so gerne als mittelstandsfreundlich präsentiert, erweist sich nach wie vor als ihr treuer Erfüllungsgehilfe. Der neue EEG-Entwurf ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Gesetze eben nicht von Fachleuten, die den Fakten folgen, geschrieben, sondern vielmehr von einer mächtigen Lobby diktiert werden. Das muss endlich aufhören – denn wie war das mit den Kipp-Punkten? Wir wiederholen das Zitat des BMVW:

„Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass die Gefahr besteht, bereits 2030 wesentliche Klima-Kipp- Punkte zu überschreiten.

Wenn das passiert, bedeutet das Game over – zumindest jedoch werden wir nicht so weiterspielen können wie bisher. Das würde sich definitiv auch negativ auf die Verwertungsbedingungen der großen Unternehmen auswirken. Wir empfehlen den Herren in den Nadelstreifenanzügen dringend, darüber nachzudenken. Die Wissenschaft sagt, wir haben noch zehn Jahre, vielleicht weniger.